Zusammen arbeiten, gemeinsam gestalten

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Lucas Peters

Bereits im Dezember letzten Jahres bezog die Halter AG ihren neuen Hauptsitz in Schlieren bei Zürich. Auf 4710 Quadratmetern Fläche und fünf Geschossen arbeitet das Schweizer Immobilienunternehmen nun mit all seinen Schwesterfirmen unter einem Dach. Für die Ausbauplanung und Realisierung der Büros wurde eine davon beauftragt: Integral design-build. Zusammen mit dem Zürcher Architekten Christof Glaus realisierten die Spezialisten Arbeitswelten der Zukunft. Einen eigenen Schreibtisch bekommt hier fast niemand mehr, dafür den Zugang zu einem digitalen Buchungsportal und einen Trolley zum Verstauen der persönlichen Gegenstände.

Die Wände tragen Spuren der Vergangenheit. Sie wurden so belassen, wie sie nach dem Rückbau des Druckerei- gebäudes vorgefunden wurden.

Coronazeit, der Bundesrat hat Homeoffice verordnet. Die meisten Mitarbeitenden der Halter AG arbeiten von zu Hause aus, dabei warten ihre neuen Büros in Schlieren auf sie. Im Dezember 2020 ging der Umzug von Zürich in die Limmatgemeinde mitten im Lockdown über die Bühne. Genutzt wird die neue Infrastruktur dennoch, von denen, die ihren Dienst nicht zu Hause tun können oder zu wichtigen Sitzungen in die Firma kommen müssen.

Wer das JED an der Zürcherstrasse 39, in dem sich der neue Halter-Hauptsitz befindet, über den Westeingang betritt, der läuft durch das öffentliche Foyer bereits am linker Hand liegenden Co-Working von The Branch entlang – einer von Halter gegründeten Plattform für den kollaborativen Austausch in der Bau- und Immobilienbranche –, um dann durch eine grosse Glastür den Eingangsbereich zu betreten. Mitten im Raum steht eine mächtige, rohe Stahltreppe, die mit ihrem rhombusförmigen Geländer aussieht, als wäre sie vom ersten Obergeschoss heruntergeklappt worden. Tatsächlich tragen die Stahlgeländer, die das bis unter die Decke im dritten Obergeschoss reichende Atrium säumen, ein Muster aus entsprechenden Rechtecken. Die informelle Möblierung im Erdgeschoss verschafft gleich einen ersten Eindruck davon, wie hier gearbeitet wird. Einen Empfang gibt es nicht – die Anmeldung erfolgt über iPad –, dafür einen hohen Holztisch mit Hockern, der Gäste zum gemeinsamen Warten einlädt. Wer sich lieber anlehnen möchte, der nimmt auf einer langen Aluminiumbank vor dem Fenster Platz, das Gleisfeld im Rücken.

Das Erdgeschoss ist nur als Durchgangsstation gedacht. Externe werden künftig vielleicht schon in den Besprechungszimmern im ersten Obergeschoss erwartet, oder es wird zur Präsentation in einen der zwei Big Rooms im Untergeschoss geladen. Durch das Öffnen einer mobilen Faltschiebewand wachsen diese zu einem grossen Konferenzsaal mit Bestuhlung für über 50 Personen zusammen. Die Mitarbeitenden aber nehmen den gläsernen Aufzug, der direkt nach oben führt. Im zweiten Obergeschoss sind auf kleineren Flächen Finance und HR untergebracht – Bereiche, die mehr Diskretion verlangen. Im dritten Obergeschoss erschliesst sich die neue, offene Arbeitswelt der Halter AG, die nun so gross ist, dass nicht nur ihre verschiedenen Unternehmensbereiche – Business Development, Gesamtleistungen, Renovationen, Entwicklungen –, sondern auch alle Schwesterfirmen – Tend, Raumgleiter, Wir sind Stadtgarten, Integral design-build, MOVEment Systems, mivune – Platz haben.

Die rohe Stahltreppe im Eingangsbereich hat eine skulpturale Anmutung und dient als identitätsstiftendes architektonisches Element.
Anstelle eines Empfangs steht einer der Signature Tables im Erdgeschoss. Links des Bildschirms liegt der Eingang zum Co-Working von The Branch.
Eines der Besprechungszimmer im ersten Obergeschoss bietet Platz für bis zu zwölf Personen.
Das Atrium zieht sich vom Erdgeschoss bis unter die Decke im dritten Obergeschoss. Es wird von Stahlgeländern, welche die Stockwerke markieren, gefasst.
Die Besprechungsboxen sind aus MDF und haben einen oberen Abschluss aus verzinktem Blech. Im Vordergrund: Stuhl Ultraleggera von Oskar Zieta.
Im Zentrum des kreuzförmigen Grundrisses liegt die Cafeteria. Auch hier kommt der Signature Table zum Einsatz.
Blick vom zweiten Obergeschoss durch das licht- durchströmte Atrium in die Konferenzräume an den Gleisen.

Kreuzförmiger Grundriss

Der Grundriss ist kreuzförmig angelegt und resultiert aus dem baulichen Bestand der ehemaligen NZZ-Druckerei, die vor der Umnutzung im Gebäude untergebracht war, und einem Stahlaufbau, der in einen Dacheinschnitt gesetzt wurde. Das so entstandene Volumen bietet Platz für ein kompaktes und doch differenziertes Zusammenspiel von Arbeitszonen, geschlossenen Besprechungsboxen, abgeschirmten Konzentrationsbereichen und einladenden Gemeinschaftsflächen. Die Möblierung besteht aus sich regelmässig wiederholenden Elementen: verzinkte Regale des Schweizer Systemherstellers Errex, höhenverstellbare Arbeitstische von Hüba, ergonomische Bürostühle von Wilkhahn. Für Auflockerung sorgen Raumtrenner mit Grünpflanzen, sogenannte Dancing Walls von Vitra, Kleiderständer, die wie gebündelte Mikado-Stäbchen aussehen, und Designobjekte wie der Stuhl Ultraleggera von Oskar Zieta oder der Fauteuil von Werner Max Moser, ein Schweizer Klassiker, der bei Embru in Produktion ist. In Bereichen, die zur Kollaboration und für den Austausch gedacht sind, kommt immer wieder der lange Signature Table, der auch im Eingangsbereich steht, zum Einsatz. Er hat breite Kufen aus feuerverzinktem Stahl zu einer mit Linoleum belegten Tischplatte und wurde eigens für Halter angefertigt. Ideen- und Impulsgeber für die durchdachte Planung war der Zürcher Architekt Christof Glaus, Partner bei Stücheli Architekten, dem die neue Arbeits- und Kooperationsplattform auch den identitätsstiftenden Entwurf für Stahltreppe und -geländer verdankt.

Mit der Ausführungsplanung und Realisierung wurde die Halter-Schwesterfirma Integral design-build beauftragt. Seit gut einem Jahr gehört sie zur Gruppe und hat sich auf den Ausbau von Arbeitswelten als Gesamtleister spezialisiert. Besonderheit des Leistungsspektrums ist die integrale Planung, die immer den gesamten Lebenszyklus eines Objekts miteinbezieht und Kundenlösungen auf Basis digitaler Tools wie 3D und BIM erarbeitet. Damit kann die Nutzung von Büroflächen nicht nur optimiert werden, auch die technische Ausstattung wird so geplant, dass sie sich flexibel an neue Arbeitsmodelle oder eventuelle Umstrukturierungen anpassen lässt. «Der moderne Workplace ist heute viel mehr als nur ein Arbeitsplatz. Wir streben möglichst viele unterschiedliche Arbeitssituationen an», bringt es Rainer Schmitt, CDO bei Integral design-build, auf den Punkt.

Grosse Fenster bringen viel Licht in die Büros. Die Fensterausschnitte wurden aus dem Beton geschnitten.
Die Arbeitsplätze können von den Mitarbeitenden online gebucht werden. Im Hintergrund sieht man den an der Zürcherstrasse liegenden Gebäudeteil des JED.
Die alte Metallkonstruktion wurde belassen und gliedert heute wie zu industrieller Zeit den Raum.
Im Untergeschoss liegen zwei Big Rooms, die zu einem grossen Raum werden, wenn man die Faltschiebewand öffnet.
Unter dem Oblicht im dritten Obergeschoss befindet sich ein informeller Aufenthaltsbereich mit Alcove-Sofas von Vitra. Darunter liegen die Büros von Finance und HR.

Industrielle Atmosphäre

Für die Büros im JED wurden zudem viele individuelle Lösungen erarbeitet. Erforderlich machte dies die grundlegende Entscheidung, die industrielle Atmosphäre der auf den Rohbau zurück- geführten Räume mit ihrer offenen, aus den 1980er-Jahren stammenden Deckenkonstruktion aus Stahl und Trapezblech sowie die unverputzten Beton- oder Sichtmauerwerkwände zu erhalten. Die gesamte elektrische Erschliessung wurde dafür in die Böden eingelegt. Kühlung und Heizung übernehmen Deckensegel aus schwarz lackierten Gitterrosten, die zusätzlich von oben belüftet werden – das zusammen mit Schmid Janutin und der Pfiffner AG entwickelte System trägt den Namen EcoBoost. Auch an die Beleuchtung wurden wegen der besonderen Deckenhöhe spezielle Anforderungen gestellt. Die übergrossen Standleuchten entwickelte darum der Lichtplaner Tobias Gsell von Mettler + Partner Licht.

Selbst wenn die Cafeteria im Zentrum des kreuzförmigen Grundrisses an manchen Wochentagen zur Mittagszeit schon belebt ist, sind momentan noch die meisten Arbeitsplätze im dritten Stock leer. Und auch für die Zeit nach Corona sei nicht damit zu rechnen, dass es zu einer vollen Auslastung komme, meint Markus Brunner, CEO von Intergral design-build. Er sieht das Büro der Zukunft mit der Erfahrung der letzten Monate viel mehr als Kollaborationsfläche denn als Rückzugs- oder reinen Arbeitsort: «Es muss vermehrt Platz für kreative Workshops, informellen Austausch und soziale Begegnungen geschaffen werden. All das, was im Homeoffice, das sich nun auch bei grossen Firmen etabliert hat, nicht geht. Hier sehe ich ein grosses Bedürfnis und einen spannenden Wachstumsmarkt, denn der Bestand ist meist nicht darauf ausgelegt.» Mit seinem Team aus Architekten, Innenarchitekten, Planern, Projekt- und Bauleitern will der Ostschweizer neue Standards setzen und Firmen beim Ausbau ihrer Büroflächen zu flexibel nutzbaren Arbeitswelten unterstützen.

Halter hat diesen Schritt schon getan. Dank vorausschauender Planung und inspirierenden Workplaces, die Platz für viele Arbeitsformen und sogar ein öffentlich zugängliches Co-Working bieten, ist man auch langfristig gut aufgestellt.

www.integralag.ch

Dieser Artikel ist im Print-Magazin KOMPLEX 2020 erschienen. Sie können diese und weitere Ausgaben kostenlos hier bestellen.

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