«Wir müssen einen Schweizer Weg finden»

Text
Daniela Meyer

Der Umbau an der Theaterstrasse 12 erfolgt gemäss den Prinzipien von Design-Build, einem neuen Modell zur integrierten Projektabwicklung. Dieses stammt aus dem angelsächsischen Raum und basiert auf einer Überlappung der Entwurfs- und Konstruktionsphasen. Dabei sind die ausführenden Unternehmer früh in den Planungsprozess involviert. Ingemar Vollenweider spricht über die Erfahrungen, die er und sein Büro mit dem von der Halter AG praktizierten Design-Build-Modell machen.

Komplex: Was hat Ihr Interesse am Umbau der Theaterstrasse 12 geweckt?

Ingemar Vollenweider: An erster Stelle natürlich der Ort, die spektakuläre Lage am Sechseläutenplatz. Zweitens die Gebäudetypologie und die Suche nach deren Identität. Das Geschäftshaus war nebst dem Wohnungsbau ein Treiber der Moderne. Es brachte die ersten «curtain walls» hervor, also Fassaden, die unabhängig vom Tragwerk eine äussere Hülle um das Gebäude bilden, und entstand häufig aus der Zusammenlegung mehrerer Parzellen. Für diesen Typus galt es nun, eine zeitgemässe Identität zu finden. Drittens interessierten uns das konkrete Objekt und die damit verbundene Bauaufgabe. Das Weiterbauen im Bestand spielt in unserem Büro schon lange eine wichtige Rolle. Der Umbau des in die Jahre gekommenen Hauses und die Auseinandersetzung mit seiner etwas spröden Architektur aus den 1970ern sind reizvolle Aufgaben.

Ein zentrales Thema ist die Neugestaltung der Fassade. Warum kommt ihr eine besondere Funktion zu?

Eine Fassade bildet den Übergang zwischen öffentlichem und privatem Raum, sie vereint die Bedürfnisse der Nutzung mit den Ansprüchen der Gesellschaft. Diese Komplexität widerspiegelt sich auch in unserem Entwurf. Die neue Fassade, die die alte ersetzen respektive ergänzen wird, besteht aus Elementen in Ortbeton, Aluminium und Naturstein. Für dieses mehrteilige Gesamtsystem gab es keinen Unternehmer, der die Ausführung hätte allein übernehmen können. Es stellte sich also die Frage, wer die Gebäudehülle bis zur Ausschreibung plant. Um die verschiedenen Gewerke optimal zusammenzubringen, haben wir die Planung letztlich komplett selber gemacht und nach der Ausschreibung mit den Unternehmern verfeinert.

Für das weitere Projekt kam das Design- Build-Modell zum Einsatz. Es stammt aus dem angelsächsischen Raum und wird seit ein paar Jahren auch in der Schweiz angewendet. Welche Verbesserungen verspricht es?

Wir erleben oft, dass bei Projekten Lücken zwischen Planung und Ausführung entstehen. Dann müssen wir gewisse Prozesse von vorne beginnen, was natürlich mühsam ist. Hier birgt das neue Modell Verbesserungspotenzial, denn es werden nicht nur die Unternehmer frühzeitig involviert, sondern auch die Bauleitung. Im Fall der Theaterstrasse waren die Verantwortlichen von Halter Renovationen von Anfang an mit dabei und dachten stets an die Umsetzung. Halter übernimmt bei Design-Build etliche Aufgaben, die beim klassischen Modell bei uns liegen würden, etwa die Einrichtung der Baustelle oder Abklärungen auf Behördenseite. Durch die neue Aufgabenteilung können wir uns stärker auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. Die rasche Projektentwicklung hat weitere Vorteile: Dank der kurzen Planungszeit ist der Wissensverlust, beispielsweise durch Personalwechsel, geringer. Zudem braucht es weniger Kommunikation, wodurch die Fehlerquote klein bleibt. Das Projekt ist pragmatisch und zielführend strukturiert. So produzieren wir am Ende nur, was wirklich gebraucht wird.

Die Verantwortung für Planung und Ausführung liegt also bei demselben Unternehmen. Wie kann die Qualität trotzdem sichergestellt werden?

In der Tat kommt dem Gesamtleister eine noch wichtigere Rolle zu als bisher, da die Kontrolle der Unternehmer durch die separat beauftragten Fachbauleitungen entfällt. Halter hat jedoch ein Inhouse-Engineering oder vergibt ein Qualitätssicherungsmandat an externe Spezialisten. Beim Umbau an der Theaterstrasse haben wir der Projektleitung unsere Architektur im Detail erklärt, damit sie auf der Baustelle rasch reagieren und selbständig entscheiden kann. Dazu muss sie unsere Ideen und die Systeme verstehen. Halter ist sich der prominenten Lage des Objekts bewusst und hat die hohe Qualität der Fassade stets unterstützt. Nun fordert man diese von den Unternehmern konsequent ein.

Klar ist, dass die Projektleiter bei diesem Modell genau wie der Architekt Generalisten sein müssen; so gelingt es, die Qualitätskontrolle zu gewährleisten.

Wie sieht es mit der Standardisierung aus? In den USA, wo Design-Build herkommt, ist dieser Prozess bereits weit fortgeschritten.

Ich betrachte die Standardisierung mit Unbehagen. Auf einer Exkursion mit Studierenden in New York haben wir drei zeitgenössische Hochhäuser von drei verschiedenen Büros angeschaut, und mussten feststellen, dass sie im Wesentlichen alle gleich waren. Die einen hatten die Profile der Fassade vielleicht in einer anderen Farbe lackiert, aber sonst war alles identisch, samt den Fenstern. Dazu braucht es natürlich keine Fachplaner, nicht einmal mehr einen Architekten, das können die Unternehmer selbst machen. Design-Build mag gut zu solchen Projekten passen, aber sie sind nicht das, was wir hierzulande praktizieren wollen. In der Architektur der letzten dreissig oder gar vierzig Jahre sehe ich in Amerika wenig Innovation. Es gibt vielleicht neue formalistische Ansätze, aber keine konstruktiven oder technologischen Lösungen, die sich den aktuellen Herausforderungen stellen. Innovationen, die eine ressourcenschonende Bauweise fördern, kommen derzeit aus Europa, insbesondere aus der Schweiz und aus Österreich, etwa im Holzbau.

Bergen integrierte Projektabwicklungen somit das Risiko eines Innovationsverlusts?

Ich verstehe die Anliegen der verschiedenen Marktteilnehmenden, die Planungsprozesse effizienter gestalten zu wollen. Standardisierung mit dem Ziel der Qualitätssteigerung ist absolut sinnvoll. Doch ich gewichte den Prozess, bei dem wir mit den Planern und ausführenden Unternehmern zusammenarbeiten, sehr hoch. Gerade ein Prototyp wie unser Projekt für das Amt für Umwelt und Energie in Basel wäre ohne diese Zusammenarbeit nicht möglich gewesen. Andererseits müssen wir unsere Branche auch voranbringen. Wenn Gesamtleister wie Halter sich für neue, ganzheitlich gedachte Modelle einsetzen, kann das allen zugutekommen. Um die aktuellen Herausforderungen zu meistern, brauchen wir eine Baukultur, die über das reine Design hinausgeht. Eine Planung, an deren Ende alle Räder ineinandergreifen, benötigt Zeit. Jetzt müssen wir überlegen, wie wir die unterschiedlichen Ansprüche in Balance bringen können. Wir müssen einen Schweizer Weg finden, um unsere Innovationskraft zu bewahren und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Ingemar Vollenweider,

in Basel geboren, studierte an der ETH Zürich und an der Columbia University in New York. Vor der eigenen Bürogründung mit Anna Jessen arbeitete er bei Kollhoffff und Timmermann in Berlin. 2006 bis 2018 war er Professor für Stadtbaukunst und Entwerfen an der TU Kaiserslautern. Neben regelmässigen Jurytätigkeiten sass er von 2018 bis 2022 im Baukollegium der Stadt Zürich ein. Seit 2018 leitet er gemeinsam mit Anna Jessen den Lehrstuhl für Städtebau an der TU Dortmund.

Mehr zum Projekt Theaterstrasse

Der Artikel zum Projekt an der Zürcher Theaterstrasse beschriebt den Spagat zwischen flexibel vermietbaren Flächen und einer ausdrucksstarken Architektur.

Dieser Artikel ist im Print-Magazin KOMPLEX 2024 erschienen. Sie können diese und weitere Ausgaben kostenlos hier bestellen.

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