What You See Is What You Get

Text
Bettina Kunzer
Visualisierung
Raumgleiter

Die Digitalisierung hat die Informations- und Kommunikationspotenziale in der Immobilienbranche dramatisch erhöht. 3D-Modelle können Bauprojekte nicht nur abbilden, sondern auch leichter verständlich machen. Der neuen Visualisierungs- und Präsentationsplattform ArchScape gelingt die Darstellung einer Immobilie über deren gesamten Entstehungszyklus hinweg. Die Applikation fügt dabei das virtuelle Gebäude in die realitätsnahe Darstellung der Umgebung ein. So können Bauherren, Käufer und Projektbeteiligte in jeder Phase der Planung und Realisierung im virtuellen Modell erleben, wie das Projekt einmal in der Realität aussehen wird.

Alle sechs Gebäude der Stadtsiedlung Reitmen in Schlieren haben ihren ganz eigenen Charakter. Deren Zusammenspiel kann mit ArchScape bis ins kleinste Detail auf die Probe gestellt werden.

Building Information Modeling (BIM) gilt als die neue DNA für Bauprojekte. Es ermöglicht die digitale Planung von Bauvorhaben und kollaboratives Arbeiten aller Projektbeteiligten an einem gemeinsamen Gebäudemodell. Prozesse können optimiert und der Kommunikations- und Informationsfluss gesteigert werden. Was in der Theorie so verheissungsvoll klingt, hält in der praktischen Anwendung einige Stolpersteine bereit.

Der Aufbau von BIM-Kompetenz verlangt viel Fachwissen. Das komplexe Software-Paket bedarf intensiver Schulungen, selbst für den, der es nur teilweise, also mit Spezialisierung auf einzelne Anwendungsmöglichkeiten, nutzen möchte. Die Hardware, die alle Projektbeteiligten benötigen, ist sehr leistungsfähig und dadurch teuer. Diese Faktoren erschweren die Verfügbarkeit der Modelle, sodass zur Visualisierung der Projekte oftmals immer noch auf 2D-Formate zurückgegriffen wird. Die dreidimensionalen Abbildungsmöglichkeiten sind aber ein zentrales Feature im BIM, mit dem zum Beispiel Variantenvergleiche geschaffen oder Projektierungsphasen simuliert werden können.

Deshalb hat die auf 3D-Modelle und High-End-Visualisierungen spezialisierte Raumgleiter AG eine intuitiv bedienbare Applikation entwickelt, die Bauprojekte in allen Phasen digital begleitet. ArchScape ist eine interaktive Visualisierungs- und Präsentationsplattform zur Unterstützung der Entwicklung, Gestaltung, Realisierung und Vermarktung von Immobilien. Sie ist ein digitales Instrument zur Stadtentwicklung und Standortförderung. Die Applikation kann von interessierten Personen kostenlos auf den PC heruntergeladen werden und ermöglicht die Besichtigung von virtuellen Immobilien in einer nahezu real wirkenden Landschaft.

Eine zentrale Plattform

Ende Februar wurde ArchScape im Papiersaal des Zürcher Einkaufszentrums Sihlcity erstmals 180 Gästen aus Immobilienentwicklung, Architektur und Vermarktung vorgestellt. Wie immer bei einem Produkt-Launch des Raumgleiter-Teams, das eine Vorliebe für «Star Wars» pflegt, war ein Hauch von Science Fiction spürbar. Die neue App ist aber alles andere als Zukunftsmusik. Sie steht ab sofort auf der Produktwebsite zum Download zur Verfügung.

Wer sie auf dem PC installiert, wird Teil einer Community, in der Bauprojekte effizient und verständlich kommuniziert werden. «Alle Daten befinden sich auf einer einzigen Plattform. Damit vereinfacht ArchScape die Zusammenarbeit zwischen den Projektbeteiligten und die Präsentation gegen aussen erheblich», bringt es Matthias Knuser, Managing Partner der Raumgleiter AG, auf den Punkt.

ArchScape ist die konsequente Weiterentwicklung des ArchViewers, mit dem Architekturmodelle auf dem Bildschirm oder mit der Virtual-Reality-Brille betrachtet werden konnten. Neu an ArchScape ist, dass die Plattform alle Daten, seien es Projektdatenblätter, Kostendatenbanken, 3D-Modelle und vieles mehr, zusammenführt. Die Daten werden zentral verwaltet, sodass zum Beispiel Ergänzungen und Aktualisierungen sofort und für alle, die über die entsprechenden Nutzungsrechte verfügen, sichtbar sind.

Fassadenwirkung und Schattenwurf des Meret Oppenheim Hochhauses (MOH) in Basel können anschaulich visualisiert werden.
Mit der dynamischen Schattensimulation lassen sich im Projektentwurf des Neubaus Tivoli Garten in Spreitenbach die Konsequenzen für die Lichtsituation prüfen.

Visionen teilen

Der Lebenszyklusgedanke steht bei ArchScape im Vordergrund. So kann die App bereits in der Entwicklungsphase von Arealen oder Quartieren eingesetzt werden. Durch die Darstellung von Ideen in der auf Google-Maps-Daten basierten Landschaft finden Visionen ihren Weg in einen realen Kontext. Digitale Projekte können von unterschiedlichen Standorten aus und mit verschiedenen Blickwinkeln – auch innerhalb eines Gebäudekomplexes – betrachtet und miteinander verglichen werden. Die interaktive Darstellungsform von Projektvarianten erleichtert den Entscheidungsprozess erheblich und ist deshalb nicht nur ein hilfreiches Tool in der Immobilienentwicklung, sondern auch gut für Architekturwettbewerbe geeignet.

Stadtraum gestalten

Einen Entwurf am richtigen Ort visuell mit seiner Umgebung verweben zu können, macht ArchScape auch zu einem wertvollen Tool in der Quartierentwicklung und für Architekten. Sichtbezüge können unter nahezu realen Bedingungen getestet werden – eine Funktion, die zum Beispiel das Bauprojekt Neumatt in Spreitenbach in neue Bahnen lenkte.

Ursprünglich waren auf zwei Baufeldern breite Hochhausscheiben vorgesehen, die, wie in der App ersichtlich, in weiten Teilen der Aargauer Gemeinde den freien Blick auf die Limmattaler Hügelzüge verwehrt hätten. Im Rahmen eines Studienauftrags wurde die Lösung einer Aufsplittung der vorgesehenen Bauten in je zwei schlanke Gebäude vorgestellt, die eine Durchsicht ins Limmattal zulässt. Die räumlich transparente Wirkung des Gebäudekomplexes wird mit ArchScape erlebbar. Gleichzeitig können aber auch mit einer dynamischen Schattensimulation die Konsequenzen für die Lichtsituation geprüft werden. Zu wissen, wann welche Flächen im Schatten liegen, erlaubt Rückschlüsse über die Ausrichtung der Wohnungen, Grünflächen und Plätze des Quartiers. Im Variantenvergleich wusste die Lösung der Doppelhochhäuser zu überzeugen.

Ein Produkt-Launch der anderen Art: Bei der Präsentation von ArchScape setzte Raumgleiter auf «galaktische» Unterstützung.
Sven Kowalewsky, Geschäftsführer von jessenvollenweider architektur, berichtet über seine Erfahrungswerte mit den unterschiedlichen Darstellungsformen von Teilmodellen.
Daniel Kapr, Managing Partner der Raumgleiter AG, im Gespräch mit Markus Mettler, CEO Halter AG.
Matthias Knuser, Managing Partner der Raumgleiter AG, stellt den Gästen aus Immobilienentwicklung, Architektur und Vermarktung ArchScape vor.
Der Produkt-Launch bot natürlich auch die Möglichkeit, ArchScape selbst zu erleben.

Immobilien erleben

Die Projekte können während der Planungs- und Bauphase unbegrenzt einzelnen beteiligten Personen oder Gruppen wie zum Beispiel einer Baubehörde zur Ansicht freigegeben werden. Wird ein Projekt mit der BIM-Methode erstellt und liegen unterschiedliche Teil- oder Fachmodelle vor, können diese einzeln ein- und ausgeblendet werden. Das ermöglicht die extrahierte Ansicht von Gebäudeelementen, des Heizsystems, der Elektroplanung und weiteren Teilsystemen. Die detaillierte und anschauliche Darstellung vereinfacht die Kommunikation und damit auch die Zusammenarbeit der Projektbeteiligten.

Neben der kontrollierten Freigabe gibt es aber auch die die Möglichkeit, Projekte zu veröffentlichen, sodass sie für jeden sichtbar sind, der die App auf dem PC installiert hat. Damit erschliesst sich die Dimension einer erlebnisorientierten Immobilienvermarktung. Die virtuelle Liegenschaft oder Wohnung ist am Bildschirm begehbar und mit einer VR-Brille, die ein reales Gefühl von Raum und Proportionen schafft, auch hautnah zu erleben. Auf der ArchScape-Plattform verfügt der Immobilienvermarkter über sein gesamtes Portfolio, sodass alle 3D-Modelle mit sämtlichen Projektinformationen wie Bilder, Pläne und Panoramen (auch offline) abrufbar sind. Auf Wunsch der Kunden sind also Alternativen zur besichtigten Immobilie schnell zur Hand.

Transparenz schaffen

Auch Standortförderer verfügen mit ArchScape über ein wirkungsvolles Kommunikationsinstrument. In wenigen Schritten können sie die Entwicklung des öffentlichen Raums mit der Bevölkerung teilen und damit Transparenz schaffen. Raumkonzepte oder eine städtische Transformation werden in allen Entwicklungsphasen zeitlich nachvollziehbar dargestellt.

Damit ist heute schon virtuell erlebbar, wie die Gemeinde, Stadt oder Region in naher Zukunft, aber auch in zehn bis zwanzig Jahren aussehen wird. Standortförderer haben in der ArchScape-App ausserdem die Möglichkeit eines ganz persönlichen Auftritts. Mit einer eigenen Landingpage und einem auf das Corporate Design zugeschnittenen Interface werden individuelle Plattformen kreiert, die dabei helfen, Bauprojekte zu beurteilen und politische Prozesse voranzutreiben.

Die Kantonsschule Urdorf wurde Ende 2017 als eines der ersten öffentlichen Projekte mit ArchScape visualisiert.

Kosten und Sicherheit

Auf der Produktwebsite steht die Windows-basierte App zum Download bereit. Während ArchScape für den Betrachter gratis ist, richten sich die Kosten für Nutzer, die die Applikation als Arbeitsinstrument gebrauchen, nach der Grösse ihres Projekts. Ausserdem fällt ein jährlicher Beitrag zum Unterhalt der Plattform an. Nach der Anmeldung können mit wenigen Klicks detaillierte 3D-Modelle oder abstrakte Volumenstudien in einen realen Kontext gestellt werden. Die Modelle lassen sich aus beliebiger Autorensoftware im gängigen fbx- oder ifc-Format hochladen.

Da die Daten im Entwicklungsstadium besonders sensibel sind, werden sie auf einem doppelt verschlüsselten Server in der Schweiz abgelegt. Der Zugriff erfolgt via Login und Passwort. So kann sichergestellt werden, dass keine unberechtigte Person Einblick in ein Projekt bekommt.

Die Plattform wächst weiter

Die Vielfalt an Anwendungen von ArchScape sind noch lange nicht erschöpft. Derzeit tüftelt Raumgleiter an einem Plug-in, mit dem schnell geprüft werden kann, ob das geplante Projekt mit der Bauzonenordnung der entsprechenden Gemeinde konform geht. «Im Idealfall erscheint wie bei einer Virenprüfung eine Liste mit grünen Haken», erklärt Matthias Knuser. «Aber auch Abweichungen von der Bauzonenordnung sind sofort ersichtlich, ohne dass der Architekt sich lange in das entsprechende Dokument einarbeiten muss.»

Bald soll es auch einen sogenannten Modeler geben. «Dabei geht es uns nicht darum, die Fachkompetenz im Bereich von etablierter CAD-Software zu untergraben», sagt Knuser. «Aber für einfache Studien auf der Entwicklungsstufe reicht es aus, schlichte Volumen erstellen zu können – und das am liebsten mit der bewährten Raumgleiter-Bedienbarkeit.»

raumgleiter.com
archscape.ch

Mit ArchScape werden 3D-Modelle oder Volumenstudien in wenigen Schritten in den realen Kontext gestellt.