Vom Analogen ins Digitale

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Reto Westermann
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Ralph Bensberg

In Schlieren baut Halter das einstige Druckzentrum der «Neuen Zürcher Zeitung» in einen Ort für digital und vernetzt arbeitende Unternehmen um. Im JED, wie der Gebäudekomplex neu heisst, ist die Zühlke Engineering AG als Ankermieterin bereits eingezogen. Ende des Jahres werden die Halter AG sowie ihre Schwesterunternehmen Tend und Raumgleiter ebenfalls ihre neuen Räume beziehen. Dann startet auch der Betrieb der Event-Location in einer der ehemaligen Druckmaschinenhallen.

Im April 2020 bezogen in Schlieren bei Zürich die ersten Mitarbeitenden des auf Business-Innovationen spezialisierten Unternehmens Zühlke ihre neuen Arbeitsplätze im Gebäude der ehemaligen Druckmaschinenhalle der ≪Neuen Zürcher Zeitung≫ (NZZ). Im September 2004 hatten Mitarbeiter und Gäste des Verlags an derselben Stelle den Andruck der ersten NZZ-Ausgabe auf der neuen Rotationsdruckmaschine gefeiert. Damals hatte sich niemand vorstellen können, dass der Betrieb elf Jahre später bereits wieder Geschichte sein würde. In einer Sonderbeilage stellte die Zeitung 2004 ihre eben fertiggestellte ≪Kathedrale der Technik≫ vor – so nannten die Journalisten die 70 Meter lange und 20 Meter hohe Halle, die extra für die 1300 Tonnen schwere Maschine erbaut worden war. Eine erste Etappe der Druckerei war bereits 1991 in Betrieb genommen worden. Nacht für Nacht wurden in Schlieren bis zu 44 Tonnen Papier und 580 Kilo Farbe für den Druck von rund 150 000 Exemplaren der NZZ verarbeitet.

Grund für das Ende des Betriebs im Jahr 2015 war der Siegeszug des Internets. Dieser führte auch bei der NZZ zu sinkenden Auflagen, das Druckzentrum war nicht mehr rentabel. Seit Juli 2015 druckt Konkurrent Tamedia die NZZ. Die Rotationsdruckmaschine verkaufte der Verlag ins Ausland, und das Immobilienunternehmen Swiss Prime Site (SPS) erwarb das Areal noch im selben Jahr. 18 Monate lang wurden die Hallen für Events zwischengenutzt. Parallel erarbeitete SPS mit den Architekten von Evolution Design aus Zürich Ideen für die Umnutzung. Ein Abriss war dabei kein Thema. Denn damit bei einem Neubauprojekt die Rechnung aufgehen wurde, Ware gemäss Gianfranco Basso von der SPS-Geschäftsleitung ein Gestaltungsplan benötigt worden – mit allen politischen Unwägbarkeiten.

Der neu erstellte Erker bringt viel Tageslicht in die künftigen Büros von Halter.
Typische Elemente aus den 1980er-Jahren wie die runden Fenster oder die Raumfachwerke bleiben bei der Umnutzung erhalten.
Ein neu eingebautes Atrium führt Licht in die Mietflächen von Halter und ermöglicht Sichtbezüge zwischen den Geschossen.

Zühlke und Halter als Ankermieter

Die grossvolumige Gebäudestruktur und die lichte Industrie-Architektur inspirierten SPS und die Architekten zum Nutzungskonzept, dem sie den Namen JED gaben. Das Kürzel steht für ≪Join. Explore. Dare.≫ – verbinden, entdecken, wagen. Unter diesem Label sollen auf dem Areal moderne Formen des Arbeitens Platz finden: Raume für Start-ups ebenso wie für etablierte, innovative Unternehmen und Co-Working-Spaces. So wird aus den ehemaligen Hallen für analoge Drucktechnik bis 2021 ein Zentrum für die digitalisierte und vernetzte Arbeitswelt. Der Gebäudekomplex besteht aus den Lager- und Druckereihallen sowie einem Kopfbau mit Büroflächen von 1991. Ergänzt wird er durch die Druckmaschinenhalle von 2004. Zudem ist geplant, im Westen des Areals noch einen Neubau zu erstellen.

Kern der in Umnutzung befindlichen Gebäude mit gut 24 000 Quadratmetern Fläche bildet die ältere der beiden Druckmaschinenhallen. In ihr entstehen ein Zugangsbereich mit einem öffentlichen Café und eine Event-Location mit 500 Plätzen. In diesem Bereich sollen sich die Angestellten der Firmen sowie Externe treffen können. Zu den 500 Mitarbeitenden des Ankermieters Zühlke gesellt sich Ende 2020 auch die Belegschaft der Halter AG, ihrer Schwesterfirmen Tend AG und Raumgleiter AG sowie weiterer Organisationen der Halter-Gruppe. Die Räume für die 200 Halter-Mitarbeitenden sind im Obergeschoss der Druckereibauten sowie in einem zusätzlich erstellten Stockwerk auf dem Verbindungsgebäude zwischen den Hallen und dem Kopfbau geplant. Ebenfalls gegen Ende 2020 nimmt Buzz Entertainment die Eventhalle und das Café in Betrieb. Später werden noch ein Restaurant und ein Bankettsaal im Kopfgebäude hinzukommen.

Mit einem Einbau aus Stahl wird in der Druckmaschinenhalle von 2004 Platz für die Mitarbeitenden von Zühlke geschaffen.
Für die Umnutzung müssen zahlreiche Durchbrüche in der bestehenden Betonstruktur erstellt werden.
Die Optik der 1980er-Jahre – Sichtbackstein und dunkelrote Blechverkleidungen – prägt auch künftig die Aussenansicht des Gebäudes.

Noch bevor der Mietvertrag mit Zühlke abgeschlossen worden war, erhielt Halter den Auftrag, als Totalunternehmen die JED-Gebäude umzubauen. Ursprünglich umfassten die Arbeiten die Auffrischung der Gebäudehülle, die Aufstockung des Verbindungstrakts, die Anpassung der bestehenden Tiefgarage, den Bau der neuen Zugänge zu den Mietflachen sowie Teile der Haustechnik. Mit der Zusage von Zühlke wuchs das Auftragsvolumen rasch an, und gleichzeitig verkürzte sich die Zeit bis zur Fertigstellung der ersten Räume aufgrund des Bezugstermins im Frühling 2020 stark. Vom Beginn des Rückbaus bis zum Einzug der Zühlke-Mitarbeitenden standen nur noch 22 Monate zur Verfügung. In dieser Zeit wurde in der ehemaligen Druckmaschinenhalle ein viergeschossiger Einbau realisiert, der Platz für die Büro- und Werkstattarbeitsplatze bietet. Dazu musste unter anderem der mehrere Hundert Tonnen schwere Betontisch, auf dem die Rotationsdruckmaschine erschütterungsfrei platziert worden war, zurückgebaut werden. In den angrenzenden Lagerräumen entstanden ein Personalrestaurant sowie Sitzungszimmer und der Empfang des Unternehmens. Die Arbeiten an den Räumen von Zühlke wurden im April 2020 fristgerecht abgeschlossen. Seitdem konzentriert sich das Baugeschehen auf die Bereiche für Halter, den Hauptzugang sowie die Eventhalle.

Noch fehlt der Innenausbau, die Dimensionen der künftigen Eventhalle sind aber bereits sichtbar.

Transformation ins 21. Jahrhundert

Auf den ersten Blick scheint die Umwandlung von der Druckerei zum JED relativ simpel zu sein: Die Gebäude sind verhältnismässig neu, die grossen Hallen bieten viel Platz für Einbauten, und eine Tiefgarage existiert bereits. Zudem wird das äussere Erscheinungsbild möglichst wenig verändert. Doch die Aufgabe ist alles andere als leicht: ≪Wir transformieren einen Industriebau aus den frühen 1990er-Jahren in ein Bürogebäude des 21. Jahrhunderts≫, sagt Christian Ulrich, Gesamtprojektleiter für JED bei Halter. Damit die Räume für die neue Nutzung passen, müssen beispielsweise Fensterbänder und Oberlichter nachgerüstet, grosse Ausschnitte in Betondecken geschnitten, Wände gedämmt, neue Geschosse eingezogen, die komplette Haustechnik mit Lüftung, Heizung und Kühlung eingebaut und die Tiefgarage erweitert werden. Dabei stossen immer wieder Welten aufeinander: Die bauphysikalischen, statischen und brandtechnischen Lösungen der Industriegebäude aus den Jahren 1991 und 2004 haben wenig gemein mit den heutigen Anforderungen an ein hochwertiges Bürogebäude und eine Eventhalle. Das zeigt sich eindrücklich am Aufwand, der nötig war, um die Druckereihalle in Büros und Werkstätten für Zühlke umzunutzen. So reichte die Tragfähigkeit der Fundamente in der Halle nicht aus, um einen viergeschossigen Einbau aus Beton zu realisieren – was aus brandschutztechnischer Sicht die einfachste Lösung gewesen wäre. Deshalb entschied man sich für eine Stahlkonstruktion. Diese wiederum machte den Einbau einer Sprinkleranlage sowie feuerfeste Spezialanstriche notwendig. Ebenso mussten neue Fensterbänder integriert, Installationen für Heizung, Kühlung und Lüftung untergebracht und die Fassade zusätzlich gedämmt werden. Dazu kamen weitere erschwerende Randbedingungen: Für den vertikalen Transport der Baumaterialien stehen während des Umbaus des gesamten Gebäudekomplexes nur die zwei bereits vorhandenen Warenlifte der Druckerei zur Verfügung. Mit Kranen kann kaum gearbeitet werden – einerseits, weil sonst Dächer geöffnet werden müssten, andererseits weil direkt am Gebäude die vierspurige SBB-Linie vorbeiführt. In deren Nähe darf ohne eine sehr teure und aufwendige Schutzwand kein Kran eingesetzt werden.

Während des Umbaus dienen Teile der grossen Produktionshallen als Abstellflächen für die Baumaterialien.
Ein Stahleinbau prägt die Räumlichkeiten, die für Zühlke bestimmt sind.
Die Raumfachwerke bieten viel Platz für den Einbau der Haustechnik, beispielsweise der Lüftungsanlagen im künftigen Personalrestaurant von Zühlke.

Herausfordernd war nicht nur die bauliche Seite, sondern auch die planerische: Aufgrund des engen Zeitplans konnte der Umbau nur zum Teil vorausgeplant werden. Detaillösungen mussten und müssen deshalb immer wieder vor Ort gefunden werden. ≪Oft entscheiden wir zusammen mit den Architekten und Handwerkern direkt auf der Baustelle, was zu tun ist, und führen die Plane später nach≫, sagt Gesamtprojektleiter Christian Ulrich. Um laufend präsent zu sein, haben er und seine drei Mitarbeitenden ihr Büro vor Ort aufgeschlagen – in der ehemaligen Chefetage der Druckerei. Die Architekten arbeiten ein Geschoss tiefer. ≪So können wir jederzeit ad hoc reagieren≫, fügt Ulrich an. In seiner 30-jährigen Karriere, in der er schon an anderen grossen Projekten beteiligt war, sei JED für ihn die bisher grösste Herausforderung: ≪Wir müssen Tag für Tag extrem flexibel sein und rasch reagieren, damit wir planmässig vorankommen.≫

Hinter dem Erker und der Glasfront, die jetzt noch von Gerüsten verdeckt sind, befinden sich künftig die Büros von Halter.
m Rahmen der Umnutzung müssen Hunderte Tonnen Bauschutt abtransportiert werden.
Aus den ehemaligen Produktionsflächen der Druckerei werden Meeting-Räume für Zühlke.

Arbeiten in der ≪Kathedrale≫

Das gilt auch für die Bauarbeiten in den künftigen Räumen von Halter. Diese befinden sich momentan noch im Rohbau, doch es lässt sich bereits erahnen, wie sie dereinst aussehen werden. Der zentrale Zugang und der Empfang werden sich in einem zwölf Meter hohen Atrium befinden. Nördlich davon entstehen die halb öffentlichen Bereiche mit Co-Working-Spaces für Unternehmen und Personen aus der Bau- und Immobilienbranche. Dazu zählen etwa Firmen, die mit Halter, Tend oder Raumgleiter an gemeinsamen Projekten arbeiten. Vom Empfang aus führen künftig Treppen und Lifte zu den dreizehn Meter höher gelegenen Büroflächen. Diese umfassen rund 4800 Quadratmeter und erstrecken sich direkt unter dem Dach der einstigen Druckereihallen in drei Richtungen. Durch die Anordnung und eine Höhe von bis zu 6,5 Metern erinnern sie an eine Kathedrale. Oberlichter, ein verglaster Erker und die Stahlfachträger im Industrie-Look sorgen für dieses spezielle Ambiente. Klappt alles, dann können knapp siebzehn Jahre nachdem der NZZ-Verlag den Start seiner neuen Druckmaschine feierte, gleichenorts die Mitarbeitenden der Halter-Gruppe ihre Büros einweihen. Bis dahin wird das Projektteam noch viele Ad-hoc-Entscheide treffen müssen.

Aufgrund des engen Zeitplans können Architekten, Bauleitung und Handwerker nicht nur nach den Plänen arbeiten, sondern müssen viele Entscheide ad hoc direkt auf der Baustelle fällen.

Dieser Artikel ist im Print-Magazin KOMPLEX 2020 erschienen. Sie können diese und weitere Ausgaben kostenlos hier bestellen.

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