Nächster Halt, Pont-Rouge!

Text
Héloïse Gailing
Foto
Stefan Wohlfahrt
Visualisierung
RDR architectes

2011 veranstalteten SBB Immobilien, die Stadt Lancy und der Kanton Genf einen Ideenwettbewerb mit anschliessendem Studienauftrag für die Architektur und die Gestaltung der öffentlichen Räume rund um den zukünftigen Bahnhof Lancy-Pont-Rouge. Obwohl der Léman Express damals noch ein Projekt war, wurde er zur Hauptentwicklungsachse für die Region Genf und das Areal Pont-Rouge zum wichtigsten Immobilienprojekt der SBB in der Westschweiz. Zehn Jahre später hat der neue Stadtteil Gestalt angenommen, und die letzten Gebäude, darunter auch das Bürohaus Esplanade 3, sind in der Fertigstellung.

Das Entwicklungsgebiet Pont-Rouge befindet sich im Stadtteil Praille, einem ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebiet am Stadtrand von Genf, wo sich im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der Mobilität nach und nach Industriebetriebe niederliessen. Während der Akazienweg zur Strasse wurde, entstanden mehrere Brücken über die Arve, und auch das Genfer Tram überquerte den Fluss ab 1889. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Projekt des Güterbahnhofs La Praille ins Leben gerufen wurde, erwarben der Kanton Genf und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) das Gelände und führten umfangreiche Infrastrukturarbeiten durch. 1960 wurde der Güterbahnhof in Betrieb genommen, und der Kanton entwickelte um ihn herum eine Industriezone.

In dieser Zeit entstanden auch die Betriebsgebäude der SBB, darunter der Cargo Tower, der mit mehr als 40 Metern Höhe bis zu seinem Abriss im Jahr 2019 als ein Wahrzeichen des Quartiers galt. Das Projekt Pont-Rouge markierte symbolisch einen Wendepunkt in der Entwicklung des Viertels, mit dem die Industrie dem städtischen Leben und der Dienstleistungswirtschaft langfristig weichen soll. Der Güterbahnhof behält jedoch seine wichtige Rolle für die Versorgung des Kantons und seine Bedeutung im Transportdsektor. Die mit ihm verbundenen Einrichtungen werden umgestaltet und konzentriert. Der neu entstehende Stadtteil soll zukünftig rund 1800 Einwohner beherbergen und fast 122 000 Quadratmeter für Geschäfte, Büros und andere Dienstleistungen bereitstellen.

Die Dachterrassen sind so gestaltet, dass sie zu Begegnungszonen für die verschiedenen Raumprogramme im Gebäude werden. Ihre Begrünung spiegelt die der Esplanade wider.

Uniformität und Fragmentierung

Die Entwicklung wurde ab 2009 mit zwei separaten Gestaltungsplänen für beide Seiten des Bahnhofs vorangetrieben. Im Westen erstreckt sich das Gebiet Adret Pont-Rouge entlang der Gleise und umfasst 15 Gebäude mit 640 Wohneinheiten. Daneben gibt es den Place de Pont-Rouge, der die beiden kleinsten Gebäude der Entwicklung miteinander verbindet. Auf der anderen Seite der Gleise rund um die Esplanade de Pont-Rouge sah der Gestaltungsplan ursprünglich drei Projekte vor: einen Komplex direkt entlang der Route du Grand-Lancy und zwei zurückversetzte, gleichförmige Blöcke beidseitig einer begrünten Fläche. Das Ensemble sollte durch verschiedene Höhen und punktuelle Akzente gekennzeichnet sein. Im Rahmen eines Wettbewerbs wurde dieser Plan 2011 vom Siegerprojekt, eingereicht durch Pont12 architectes in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro edms, den Landschaftsarchitekten La Touche Verte und den Lichtplanern L’Observatoire International, überarbeitet. Das neue Projekt teilte den Komplex in zwei Bauten auf – Esplanade 1 und 2 – und sah auf seiner Rückseite mit Alto Pont-Rouge und Esplanade 3 zwei voneinander unabhängige Gebäude vor. Das Spiel der Volumen mit unterschiedlichen Höhen blieb erhalten und wurde sogar noch verstärkt. Die kubischen Bauten sollten geometrisch strenge Steinfassaden mit grossen Loggien erhalten.

Für die Gestaltung der öffentlichen Räume wurde das Team bald von den Zürcher Landschaftsarchitekten raderschallpartner ergänzt. Um die unterschiedlichen Bereiche miteinander zu verbinden, entwarfen sie ein plastisches Marmorband, das mal zum Sitzplatz, mal zur Umrandung, mal zum Wasserlauf ausgeformt ist. Von einem Ende des Areals zum anderen, zwischen dem Place de Pont-Rouge im Westen und der Esplanade de Pont-Rouge im Osten, kennzeichnet und hierarchisiert diese städtebauliche, organische Linie die Bebauung und sorgt für Zusammenhalt. Eine Harmonisierung, die umso wichtiger wurde, als die Gebäude im Verlauf der Entwicklung ihren Ausdruck veränderten.

Tatsächlich beschloss SBB Immobilien gleich nach Baubeginn im Jahr 2016, die Grundstücke östlich des Bahnhofs nach und nach zu verkaufen. Die Gebäude Esplanade 1 und 2 wechselten während des Baus ihren Besitzer, die beiden dahinter liegenden Blöcke wurden bereits in der Projektierungsphase veräussert. Den Zuschlag für das Projekt Alto Pont-Rouge direkt an den Gleisen erhielt Swiss Prime Site Immobilien, während Esplanade 3 von M3 Groupe erworben wurde, einem Genfer Unternehmen, das in den Bereichen Immobilien, Hotellerie, Gastronomie, Gesundheit und Sicherheit tätig ist.

Situationsplan: Das Gebäude Esplanade 3 bildet die südöstliche Ecke der Entwicklung Esplanade de Pont-Rouge. Es öffnet sich zum öffentlichen Raum im Inneren.
Schnitt / Ansicht: Die Türme des Gebäudes wachsen aus einem horizontalen Sockelbau. Die komplexe Volumetrie ist charakteristisch für den gesamten Standort.
Grundriss Erdgeschoss: Geschäfte und Restaurants richten sich auf die Esplanade Pont-Rouge zum von raderschallpartner gestalteten Marmorband.
Grundriss 5. Obergeschoss: 14 Aufzüge bedienen das Gebäude. Die flexiblen und verglasten Büroflächen sind in Service-Einheiten organisiert.

Klarer Ausdruck, komplexe Volumetrie

Für den neuen Besitzer von Esplanade 3 war dies die Gelegenheit, Änderungen vorzunehmen. Sehr schnell wurde das Büro RDR architectes gebeten, Projektvarianten zu entwerfen und die Fassade zu modifizieren. Zudem erhielt die Halter AG als Gesamtleisterin den Auftrag für die Entwicklung und den Bau der Liegenschaft. Der Bauherr wünschte sich in Abgrenzung zu den bereits bestehenden Gebäuden ein leichteres Erscheinungsbild. Obwohl die Genehmigungen erteilt und die Baukörper genau definiert waren, konnten die Architekten Veränderungen anbringen. Der Eingriff in die Fassade stellte sich als grösste Herausforderung dar: Wie könnte der architektonische Kontext respektiert und gleichzeitig eine eigenständige Sprache gefunden werden?

Die Antwort war: durch Geometrie. RDR architectes übernahmen von den steinverblendeten Nachbarbauten das regelmässige Achsmass von 1,50 Metern und entwarfen eine daran angelehnte Fassade aus Aluminium und Glas. Sie hat das gleiche Raster, doch sind die Linien feiner, was grössere Glasflächen mit sich bringt. Da auch die Dicke der Fassade definiert war, nutzten die Architekten diese Vorgabe, um tiefe Profile zu entwerfen, die dem Ganzen Charakter verleihen. Die präzise Setzung der horizontalen und vertikalen Metallstreifen hilft, technische Anforderungen wie Bodenstärken oder Storenkästen aufzunehmen. Mit Detailgenauigkeit werden diese Elemente auch an den Ecken und Kanten ausgeführt, sodass die verschiedenen Volumen, Sockel und Auskragungen sehr homogen umhüllt sind.

Die tragende Betonstruktur hinter der vorgefertigten Fassade wurde schlank gehalten, was den Innenräumen grösstmögliche Flexibilität gibt. So organisierte man 36 000 Quadratmeter Fläche auf einem Sockelbau mit Geschäften im Erdgeschoss, aus dem in der Höhe zwei Bürotürme wachsen. Um das Ganze zu gliedern, unterbrechen zwei Patios und grüne Terrassen die komplexe Morphologie des Gebäudes und bieten Begegnungsräume für die unterschiedlichen Raumprogramme.

Das Projekt Esplanade 3 zeichnet sich durch eine Fassade mit vorgefertigten Metallelementen aus. Ihr Raster legt sich gleichmässig über die unterschiedlichen Volumen des Gebäudes.

Begrenzte Autonomie

Die Spezialtiefbauarbeiten begannen schliesslich im Februar 2020, und die Übergabe ist für Januar 2023 geplant. Inzwischen hat das Gebäude auch einen Investor gefunden: die Pensionskasse des Kantons Genf (CPEG). Obwohl die Baustelle mit ihren drei Kränen enorm ist, gibt es nur wenig Lagerflächen. Esplanade 3 liegt eingeklemmt zwischen dem noch im Betrieb befindlichen SBB-Areal La Praille, der ersten Bauetappe, die seit der Einweihung der S-Bahn Léman Express gut belebt ist, der viel befahrenen Route des Jeunes und der Baustelle des Nachbargebäudes. Eine präzise Planung und Koordination der Arbeiten sind daher unerlässlich.

Weil das Areal ursprünglich als Ganzes konzipiert wurde, sind die Verbindungen zu den umliegenden Gebäuden von grosser Bedeutung. Das Quartier Pont-Rouge nutzt drei gemeinsame Kellergeschosse, die ein Parkhaus mit 600 Stellplätzen beherbergen. Dessen derzeitige und provisorische Zufahrtsrampe soll durch eine gemeinsame Einfahrt unter dem Bürogebäude Esplanade 3 ersetzt werden. Darüber hinaus erfolgt die gesamte Wärmeversorgung, die auch die Wohnungen von Adret Pont-Rouge nutzen, über einen Energievertrag mit Geothermie. Unter den Arealen Adret Pont-Rouge und Esplanade de Pont-Rouge wurden 300 Sonden mit einer Länge von je 300 Metern eingebracht. Sie werden über Unterstationen gebündelt und in einen Hauptkesselraum unter dem Gebäude Esplanade 1 geführt. Dank dieses Systems erhielt das Gebäude Esplanade 3 das Minergie-Label und erfüllt den Genfer High-Energy-Performance-Standard (HPE).

Es ist davon auszugehen, dass die Entwicklung Esplanade de Pont-Rouge in ihrer Gesamtheit funktionieren wird. Unterschiedliche Baufortschritte und ästhetische Kompromisse haben die von den Behörden erwünschte Homogenität nicht beschädigt. Dank seiner aussergewöhnlichen Lage dürfte es nicht lange dauern, bis sich der multimodale Verkehrsknotenpunkt als vollwertiger Stadtteil in der Agglomeration von Genf behauptet. → www.pont-rouge.ch

RDR architectes

Das Büro ist seit 1993 in Lausanne und seit 2005 in Buenos Aires ansässig. Es vereint mehr als 15 Nationalitäten und arbeitet an internationalen Projekten in verschiedenen Grössenordnungen – von luxuriösen Villen am Ufer des Genfersees oder in Uruguay bis zur Umgestaltung des Nestlé-Hauptsitzes in Vevey. Dank einer Diversifizierung der Kompetenzen betreut RDR sowohl Städtebau- als auch Innenarchitekturprojekte. Mit dem Bau von emblematischen Gebäuden wie dem Aquatis-Zentrum oder dem SwissTech Convention Center, aber auch durch die Errichtung zahlreicher Wohnprojekte prägten die Architekten die Stadtlandschaft in Lausanne und der Westschweiz. Die beiden Gründer Jacques Richter und Ignacio Dahl Rocha haben die Geschäftsführung inzwischen an langjährige Mitarbeitende abgegeben, die mit einer anspruchsvollen Architektur für die Kontinuität des Büros sorgen.

www.rdrarchitectes.com

Pont-Rouge

Dieser Artikel ist im Print-Magazin KOMPLEX 2021 erschienen. Sie können diese und weitere Ausgaben kostenlos hier bestellen.

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