Mikro ist das neue Mini

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Jan Paulich
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Agi Simoes

Kleinwohnungen liegen aufgrund demografischer Veränderungen schon länger im Trend, doch mithilfe neuester Technologie und digitaler Anwendungen werden sie jetzt noch kleiner. In der Schweiz macht derzeit eine Entwicklung von sich reden: MOVEment ist ein modulares Wohnkonzept, das vom österreichischen Architekten Angelo Roventa konzipiert und durch die Halter AG zu Marktreife gebracht wurde.

Wer Luc Bessons Sci-Fi «The Fifth Element» gesehen hat, der erinnert sich vor allem an eines: die futuristische, etwas heruntergekommene, multifunktionale Wohnbox von Hauptdarsteller Bruce Willis. Der Streifen wurde 1997 gedreht und war, wie es Filme dieses Genres so an sich haben, seiner Zeit voraus. Inzwischen ist der Trend zu Wohnformen, die auf kleinstem Raum stattfinden, in der Realität angekommen. Weltweit beschäftigen sich Immobilienentwickler und Architekten damit, wie sich auf möglichst wenig Fläche maximaler Wohnkomfort schaffen lässt.

Filmausschnitt aus Luc Bessons Sci-Fi «The Fifth Element» mit Bruce Willis.

Die Schweiz wohnt zunehmend allein

Der neue Trend ist Ausdruck eines strukturellen Wandels unserer Gesellschaft. Waren Einpersonenhaushalte 1920 noch in der Minderheit, so machen diese seit den 1990er-Jahren den grössten Teil der Schweizer Haushalte aus – mit stetig steigender Tendenz. Das Bundesamt für Statistik prognostiziert bis ins Jahr 2045 gar eine Erhöhung der Einpersonenhaushalte auf 1,7 Millionen, was einem Anteil von 38 Prozent aller Haushalte entspräche.

Als Grund für das voraussichtliche Wachstum der Kleinhaushalte werden einerseits die steigende Lebenserwartung und damit die Zunahme verwitweter, allein lebender Personen genannt. Andererseits zeigen die lange Ausbildungszeit und die hohe berufliche Mobilität der jüngeren Generationen Wirkung. Man bindet sich später, und die Familienplanung wird hinten angestellt.

In der Schweiz schickte man sich bereits in den 1960er-Jahren an, kleinere Stadtwohnungen zu bauen, denn mit dem Wachstum der Städte und veränderten Familienstrukturen wuchsen neue Bedürfnisse. Heute sind die meisten dieser Objekte veraltet. Hinzu kommt, dass der jüngste Trend zu einer bewussteren Mobilität die Nachfrage nach zentrumsnahen, städtischen Lagen weiter steigen lässt. Eine Entwicklung, die nach Lösungen verlangt, mit denen man den vorhandenen Wohnraum besser nutzen kann. Mikroapartments sind eine mögliche Antwort. Sie sollen urbanes Wohnen auf nur wenigen Quadratmetern praktikabel und bezahlbar machen.

Eine Antwort auf die steigende Nachfrage nach kleinen Wohnungen: das Mikroapartment MOVEment.
Kern des neuartigen Raumkonzepts sind verschiebbare Möbelelemente, deren Position auf Knopfdruck der gewünschten Wohnsituation angepasst werden können.

Digitalisierung spart Platz und Kosten

Die Digitalisierung hat unseren Alltag in den vergangenen Jahren stark verändert und beeinflusst auch die Bedürfnisse von Wohnungsnutzern. Bücherregale, Schrankwände, DVD-Sammlungen, CD-Türme und Hi-Fi-Anlagen haben nicht nur bei den sogenannten modernen Nomaden ausgedient. Fast jeder speichert Musik, Bücher, Bilder und andere Dokumente auf Computer, Tablet oder Smartphone ab. Inzwischen geht es auch unseren überfüllten Kleiderschränken an den Kragen: Aufräum-Coachs haben Hochkonjunktur. Hinzu kommen neue digitale Gadgets, die unser Leben nicht nur einfacher und sicherer machen, sondern auch einen nicht mehr aufzuhaltenden technologischen Fortschritt mit sich bringen.

Immobilienentwickler nehmen diese Impulse auf und sehen einen wachsenden Markt für kompakte, flexible Wohnraumkonzepte, die sich an die Zielgruppe der Einpersonenhaushalte richten. Das Online-Architekturmagazin «Dezeen» publizierte jüngst zehn Beispiele, die zeigen, wie variantenreich auf diesem Feld von New York bis Taipeh geplant wird. Beschleunigend wirken Werkzeuge, die die digitale Transformation den Planern an die Hand gegeben hat. Serielle Bauprozesse und realitätsnahe Simulationen leisten automatisierten Raumkonzepten Vorschub.

Auch in der Schweiz werden neue Produkte lanciert. Der deutsche Projektentwickler i Live bietet Mikroapartments mit umfassenden Dienstleistungsangeboten, die SV Hotel AG plant für Anfang 2020 die Eröffnung des ersten Stay-KooooK-Hotels in Bern, dessen Zimmer sich mit einem flexiblen Design den Bedürfnissen der Gäste anpassen und auch für Langzeitaufenthalte geeignet sind. Einen ganz eigenen Weg geht MOVEment, ein modulares Wohnkonzept mit verschiebbaren Möbelelementen, das 2017 von der Halter AG lanciert wurde.

Drei Jahre Entwicklungszeit

Der Weg von der ersten Idee bis zum heutigen MOVEment-Apartment war lang. Ganze drei Jahre dauerte es, um ein marktreifes Produkt zu entwickeln. Der geistige Vater von MOVEment ist der Wiener Architekt Angelo Roventa. 2009 realisierte er erstmals sein Wohnungskonzept Elastic Living. Die Idee war so innovativ, dass er noch im gleichen Jahr im Rahmen des «Outstanding Artist Award – Experimentelle Tendenzen in der Architektur» einen Anerkennungspreis vom österreichischen Bundeskanzleramt erhielt. «Ich habe versucht, die philosophischen Aspekte von Zeit und Serialität in die Raumplanung einzubeziehen und in Architektur umzusetzen. Ein Mensch kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Ausserdem haben wir in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Bedürfnisse», beschreibt der Visionär seinen Ansatz.

Der Vorgänger von MOVEment war das Konzept Elastic Living von Angelo Roventa. Ein Teil davon wurde 2015 als «Wald Wohn Werkraum» in einem leer stehenden Landwirtschaftsgebäude im Bregenzerwald realisiert. (Foto: Dietmar Stiplovsek, © Angelo Roventa)
Das Projekt wurde mit dem Jurypreis des Wettbewerbs «Handwerk + Form 2015» ausgezeichnet. (Foto: Dietmar Stiplovsek, © Angelo Roventa)
Schon damals konnte der an einer Schiene befestigte Schlafbereich manuell bewegt werden. Bei MOVEment wird diese Arbeit von einem Elektromotor übernommen. (Foto: Dietmar Stiplovsek, © Angelo Roventa)
Die Idee zu Elastic Living war die Grundlage für die darauffolgende Kooperation mit der Halter AG und die Weiterentwicklung zum Mikroapartment MOVEment. (Foto: Dietmar Stiplovsek, © Angelo Roventa)
Die mobile Wohnbox wurde in eine leer stehende Scheune eingebaut. (Foto: Dietmar Stiplovsek, © Angelo Roventa)

Auf der Suche nach einer Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen und das mangelnde Angebot an adäquaten Wohnlösungen wird die Halter AG im Dezember 2016 auf Elastic Living aufmerksam. Gemeinsam mit Angelo Roventa beschliesst der Immobilienentwickler, die Grundidee weiterzutreiben und zur Marktreife zu bringen. Daraufhin wird im Juli 2017 der neue Markenname MOVEment eingeführt, einen Monat später ist das System im Internet virtuell erlebbar. Parallel dazu bestätigt Wüest Partner den prognostizierten Business Case.

Im März 2018 beginnt der Bau des ersten Prototyps: An einer Schiene entlang der Wand werden zwischen Koch- und Schlafbereich drei mit einem elektrischen Motor ausgestattete Wohnmodule installiert. Bewohner können bei Bedarf per Knopfdruck unterschiedliche Raumkonstellationen anwählen. So wird Platz geschaffen zum Arbeiten, Fernsehen oder auch für Yogaübungen am Boden. Dies alles findet in nur einem Zimmer mit einer Mindestgrösse von gerade mal rund 23 Quadratmetern Platz. Das Bad ist in einem separaten Raum untergebracht.

Ein Konzept, das überzeugt. Schon im selben Monat geht die erste Bestellung ein. Im Rahmen eines Totalunternehmerauftrags werden 41 MOVEment-Apartments für die Wohnanlage The Jay in Adliswil geordert. Diese sollen im Herbst 2019 bezugsfertig sein. Bis es so weit ist, wird MOVEment mit der Unterstützung des Innovations- und Technologie-Experten Zühlke zur Serienreife gebracht. Ein Innenarchitekt kümmert sich um das ansprechende Design der in neutralem Weiss gehaltenen Module. Kurz nachdem alle Patente angemeldet sind, entscheiden sich auch die Investoren des Projekts Claraturm beim Basler Messeplatz für den Einbau von MOVEment.

Dank effektiver Raumnutzung bietet MOVEment trotz begrenzter Wohnfläche ein ansprechendes, komfortables Bad.
Die Position des Bettes lässt sich je nach Raumbedarf indivuell anpassen. Es wird durch einen Motor verschoben.

MOVEment – ein einzigartiges Wohnkonzept

Das Zwischenfazit von Alex Valsecchi, Leiter Business Development bei Halter und verantwortlich für die Produktentwicklung, lautet: «MOVEment ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie vielschichtig die Entwicklung neuer Wohnformen für zentrale städtische Lagen mit beschränktem Platzangebot ist. Es braucht viel Know-how, um ein solches Projekt zu realisieren.» Obschon es sich bis dato um eine Erfolgsgeschichte handle, habe die Realisierung von MOVEment viel Durchhaltevermögen erfordert und sei immer wieder für Überraschungen gut gewesen. Die Weiterentwicklung des schweizweit einzigartigen Wohnkonzepts soll über die kommenden Jahre fortlaufend vorangetrieben werden. Die erste MOVEment-Musterwohnung wurde im März 2019 in der Überbauung The Jay in Adliswil fertiggestellt.

Halter hat sich zum Ziel gesetzt, jährlich bis zu 300 MOVEment-Einheiten in die eigenen Entwicklungen und die Projekte von Auftraggebern einzubauen. Bis 2045 würden so 7 200 zusätzliche Mikroapartments auf den Wohnungsmarkt gelangen. Ein kühnes Ziel. Doch wenn das Bundesamt für Statistik Recht behält, reicht dies längst nicht aus, um der prognostizierten Nachfrage gerecht zu werden.
move-ment.ch

Nach dem Vorbild der Musterwohnung im Projekt The Jay in Adliswil sollen zukünftig schweizweit pro Jahr bis zu 500 MOVEment-Apartments erstellt werden.