Künstler erforschen die ganze Zeit Fragestellungen rund um ihre Arbeit

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Linus Bill

Mit dem BäreTower wurde dieses Frühjahr in Ostermundigen das höchste Wohnhochhaus der Schweiz und mit ihm eine neue, identitätsstiftende Mitte für die Gemeinde in nächster Nähe zu Bern eingeweiht. Um dem Ort mehr Ausstrahlung zu verleihen, initiierten Investoren und Entwickler ein Kunst-und-Bau-Projekt. Dafür ausgewählt wurde die Lausanner Künstlerin Sophie Bouvier Ausländer. Recherchen, Überlagerung und Abstraktion führten sie zu «Ursinae», einem farbigen Glasdach, das Tag und Nacht die Sternbilder des Grossen und Kleinen Bären zeigt.

Sophie Bouvier Ausländer vor einem Teil ihrer Installation «Mare Vostrum», die sie 2019 im Musée des beaux-arts du Locle ausstellte.

Die Werke von Sophie Bouvier Ausländer leben von ihrer Kontextualität und der Überlagerung verschiedener Themen. Für den von der Halter AG für die Investorin Helvetia Versicherungen entwickelten BäreTower schuf die Westschweizerin im Rahmen eines Kunst-und- Bau-Projekts eine Skulptur, die gleichzeitig eine Überdachung des Bärenplatzes ist. Wir besuchten die Künstlerin drei Monate vor Bezug der Liegenschaft in ihrem Atelier in Lausanne. Es befindet sich unweit der Innenstadt in einer alten Lagerhalle an den Bahngleisen. Über eine Laderampe gelangt man in einen grossen Raum mit verschiedenen Arbeitsbereichen. Hier gibt es Zeichentische, Regale mit Fundsachen wie Baumrinde oder Bienenwaben, Rollwagen mit Werkzeugen und Malutensilien, archivierte Kunstwerke. An den Wänden hängen fragile Gebilde aus Pappmaché. Ein kleines, beheizbares Büro ist in einem Container untergebracht, der auf Stelzen steht. Daneben liegt eine aus Europaletten gebaute Bühne mit Modellen anstehender Projekte. Skizzen, Materialproben und Pläne dokumentieren deren aktuellen Stand.

Komplex: An Ihrer Türklingel steht «Hotel Ausland». Warum?

Sophie Bouvier Ausländer: So hiess die Installation für eine Soloausstellung, die ich 2014 im Musée d’art de Pully bei Lausanne hatte. Seitdem begleitet mich der Name. Er ist fast wie ein Brand geworden. Mein Nachname Ausländer ist sehr wichtig für mein Werk. Egal wohin ich gehe, ich bleibe immer Ausländer. Der Begriff Hotel klingt dazu wie ein Widerspruch. Die Schriftart, die ich damals wählte – nicht wegen ihrer Ästhetik, sondern wegen ihres Namens – heisst Helvetica. Das bringt noch eine weitere Irritation ins Spiel. Ich interessiere mich in meiner Arbeit sehr für Worte und Sprache. Noch dazu glaube ich, dass jeder Künstler ein Ausländer ist, der in einer vorübergehenden Situation arbeitet und temporäre Lösungen anbietet.

Wie haben Sie die letzten zwei Jahre erlebt?

Die Pandemie hat meinen Alltag nicht gross verändert. Ich bin jeden Tag in mein Studio gegangen und habe gearbeitet. Unangenehm fand ich nur den öffentlichen Druck. Es wurde erwartet, dass Künstler auf die gegenwärtige Situation reagieren. Dabei antworten wir doch immer auf Fragen der Zeit. Ich habe mich schliesslich mit meinem Körper beschäftigt. Es entstand eine Serie von paarweisen Organen aus Pappmaché: Augäpfel, Brüste, Lungenflügel, Nieren. Wir sind auf diese Organe angewiesen, dabei kennen wir sie gar nicht. Weil sie so geheimnisvoll sind, wollte ich sie aus dem Körper nehmen und sichtbar machen. Aus dieser Suche heraus entstand ein Künstlerbuch, eine Art Tagebuch. Es ist auf dem Papier der «Financial Times» gedruckt.

Warum?

Ich lese die englische Zeitung jeden Tag und erfahre durch sie, was in der Welt passiert. Ihr Papier ist hellrosa, genau wie meine Haut. Diese Verschränkung hat mich interessiert. Denn wenn ich mit diesem Papier arbeite, dann ist es so, also würde ich über mich selbst in Relation zu unserer Welt sprechen. Es war sehr schwer, an das Papier heranzukommen. Es ist patentiert und wird speziell für die «Financial Times» hergestellt. Aber der Verlag in London fand mein Projekt interessant und hat mir einige Rollen in die Schweiz geschickt.

Was kann man in Ihrem Tagebuch lesen?

Nur Wortfetzen. Ich habe Transferdrucke von den fotografierten Organen gemacht und mit Schrift kombiniert. Es sieht so aus, als hätte ich die Wörter in die Luft geworfen, und sie wären in Einzelteilen wieder auf dem Papier gelandet. Es geht darum, von unterschiedlichen Welten zu erzählen und Widersprüche aufzuzeigen. In der Mitte des Buches sind die beiden Lungenflügel abgebildet. Es war im letzten Sommer im Museo d’Arte Contemporanea di Roma ausgestellt und wurde auch in einer Performance gezeigt.

Denken Sie lange über ein Werk nach, bevor Sie damit anfangen?

Ich glaube, ich bin sehr spontan. Ich habe eine Idee, die mich begeistert, und mache mich an die Arbeit. Bei meinen Recherchen muss ich aber manchmal einsehen, dass meine Vorstellungen nicht realisierbar sind. Es kann dann sein, dass ich trotzdem weitermache und einen ganz anderen Weg nehme, als ich vorher dachte. Das ist sehr spannend.

Im Atelier gibt es viel Platz für Regale mit Fundsachen, Rollwagen mit Werkzeugen, Malutensilien, Farben und Arbeitstische. Im Vordergrund links steht ein mit Büchern befüllter Paravent, der im Rahmen des Kunst-und-Bau-Projekts «Manières de faire des mondes» entstand. An der Wand stapeln sich bunte Globen, die aus dünnen Papierstreifen zusammengeklebt sind.
Die Künstlerin zeigt auf eine Himmelskarte mit den Sternbildern Grosser Bär, Kleiner Bär und Bärenhüter, die als Inspiration für ihr Werk dienten.
Die Skulptur «Ursinae», ein farbiges Glasdach, wird am Fuss des Hochhauses auf dem Bärenplatz zu stehen kommen und bunte Lichtpunkte auf den Boden werfen.

Sie gehen gerne in die Tiefe?

Das ist mein Charakter. Ich glaube, Künstler sind wie Detektive. Sie erforschen die ganze Zeit Fragestellungen rund um ihre Arbeit. Ich habe von 2013 bis 2019 in London an der Slade School of Fine Art einen Doktor gemacht. Mit dem Thema meiner Arbeit über zeitgenössische Reliefs beschäftige ich mich bis heute.

Gibt es einen roten Faden in Ihrem Schaffen?

Ich glaube, man kann meine Arbeit nicht labeln oder einer bestimmten Kategorie zuordnen. Jedoch sind viele meiner Werke sehr fragil und vergänglich. Das trifft besonders auf meine Studioarbeiten zu. Hier erlaube ich mir zum Beispiel, säurehaltiges Papier zu benutzen. So kann es sein, dass meine Zeichnungen mit der Zeit verblassen. Oder ich bemale Landkarten, die eigentlich dafür gedacht sind, dass man sie zusammenfaltet und mit auf die Reise nimmt. Daneben entwickle ich temporäre Arbeiten für den öffentlichen Raum, aber auch permanente, bleibende und solide Kunstwerke. Ich liebe diese grosse Bandbreite.

Dazu gehört auch das Thema Kunst und Bau.

Das ist seit einigen Jahren ein ganz wichtiger Aspekt in meiner Arbeit. Für ein öffentliches Projekt muss ich mein Studio und meinen Alltag verlassen. Ich stelle Nachforschungen zur jeweiligen Geschichte an und setze sie in einen Kontext. Es ergeben sich Fragen, die mit einem bestimmten Ort verknüpft sind. Das bringt ganz neue Themen auf den Tisch, mit denen ich nicht konfrontiert wäre, wenn ich nur für Sammler, Galerien oder Kunstmessen produzieren würde.

Wie kam es zum Projekt für das Hochhaus BäreTower?

Ich wurde zusammen mit vier anderen Künstlern zu einer Präsentation eingeladen. Jeder von uns musste sich mit einigen Arbeiten und ersten Ideen für den BäreTower vorstellen. Der Jury gefiel meine Herangehensweise an frühere Projekte und die Vielfalt, mit welcher ich Orte künstlerisch bespiele. Ich habe keine eindeutige Signatur – jedes Werk ist eine Überraschung. Ich analysiere einen Ort und seine Architektur und erarbeite ein Konzept, das ihre Seele ausdrückt.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch auf der Baustelle?

Das war im Juli letzten Jahres. Der BäreTower war im Rohbau, und es gab noch keine Lifte im Haus. Also mussten wir einen Aussenlift benutzen. Die Fahrt ging schrecklich lange. Ich habe Höhenangst und war sehr erleichtert, als wir endlich im 32. Stock angekommen waren. Von dort hat man einen wunderbaren Blick in die Ferne und auf die Stadt Bern. Man sieht das Berner Münster und das Bundeshaus. Der Bärenplatz am Fuss des Hochhauses erscheint ganz klein. Als unsere Gruppe dann wieder unten war, zog plötzlich ein Sturm auf. Es regnete wie aus Giesskannen, und wir suchten nach einem Unterstand. Da kam mir die Idee, ein Dach zu bauen, irgendetwas, was den Platz bedeckt.

Der BäreTower wird mit 100 Metern bald das höchste Wohnhochhaus der Schweiz sein.

Ich weiss. Das Berner Münster ist nur 60 Zentimeter höher. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz in Bern, dass kein Gebäude höher sein darf. Dies sowie der Sichtbezug waren Gründe, warum ich mich von Anfang an mit dem Münster beschäftigt habe. Ich kannte es schon vorher, doch im Rahmen des Projekts habe ich es wiederentdeckt. Besonders beeindruckend fand ich die Struktur des Mittelschiffgewölbes und die bleiverglasten Fenster. Meine Arbeit soll eine Art Echo dazu erzeugen.

Ihr Projekt trägt aber den Namen «Ursinae».

Was mich seit meiner ersten Fahrt mit dem Aufzug auf den BäreTower auch beschäftigte, war die Beziehung von Himmel und Erde. Und weil ich viel mit Landkarten arbeite, dachte ich mir, ich könnte doch mal eine Himmelskarte anschauen. Dort habe ich dann die Sternbilder Grosser Bär und Kleiner Bär entdeckt und gleich daneben den Bärenhüter. Auf Französisch heisst diese Konstellation Bouvier – mein Nachname. Das fand ich unglaublich. Es hatte fast etwas Schicksalhaftes. Darüber hinaus sagte mir jeder der Beteiligten, wie wichtig der Bär für das Projekt und für Bern ist. «Ursinae» ist der lateinische, wissenschaftliche Name des Sternbilds.

Wie haben Sie die verschiedenen Elemente dann in Ihren Entwurf eingebracht?

Die symbolische Verbindung für alle Elemente ist der Gedanke an die Ewigkeit. So wie der BäreTower eine Art Gedankenstrich zwischen Himmel und Erde ist, wird auch «Ursinae» diese Verbindung symbolisieren – inspiriert einerseits von der bunten Farbpalette und dem Mittelschiffgewölbe des Berner Münsters, andererseits von der Sternenkonstellation, wie man sie zum Zeitpunkt des Bezugs der Wohnungen im BäreTower sieht. Aus diesen Elementen entwickelte ich eine Art Gitter, das ich immer mehr reduziert habe, bis ich einen bestimmten Abstraktionsgrad erreicht hatte. Dennoch drückt der Umriss des Dachs mit seinen vielen Zacken ganz klar die Idee eines Sterns aus.

Wie ist das Dach technisch aufgebaut?

Die Skulptur ist gut 100 Quadratmeter gross und hat 3,50 Meter hohe Stützen. Ihre Metallstruktur wird einen matt glitzernden, anthrazitfarbenen Lack tragen. In das Sicherheitsglas, das auf der Gitterstruktur liegt, sind zwölf verschiedenfarbige Folien integriert. So bleibt die Struktur von unten sichtbar, oben entsteht eine glatte Fläche. Sie hat ein minimales Gefälle, damit das Regenwasser ablaufen kann. Frisch gefallener Schnee wird einfach wegrutschen. Alle statischen Berechnungen wurden vom Thuner Ingenieurbüro Theiler gemacht.

Unter und neben dem auf Stelzen stehenden Bürocontainer lagern grosse und kleine Werke von vergangenen Ausstellungen neben Leinwänden, Papierrollen und anderen Arbeitsmaterialien. An der Wand hängen zwei Brüste aus Pappmaché.

Hatten Sie auch Kontakt zu Burkard Meyer Architekten, die die Überbauung geplant haben?

Als ich ausgewählt wurde, war meine erste Frage: Hat der Architekt für mich gestimmt? Zum Glück war es so. Denn wenn ein Architekt nicht glücklich mit dir und deinem Projekt ist, dann kommt es nicht gut. Auch wenn das Kunstwerk nicht direkt an das Gebäude anschliesst oder darauf referenziert, gibt es doch immer einen Dialog. Als ich mit meinem Entwurf kam, waren die Architekten sehr glücklich. Weil sie selbst einmal mit dem Gedanken gespielt hatten, ein Dach oder einen Unterstand auf dem Platz zu bauen. So kamen wir zum gleichen Resultat. Ich muss sagen, dass ich auch ihren Entwurf für den BäreTower faszinierend finde. Die Fassade aus Aluminium mit gelben Messingdetails reflektiert das Licht und sieht zu jeder Tageszeit anders aus. Der Turm ist wie ein Chamäleon.

Auch «Ursinae» wird auf die Umgebung abstrahlen.

Ja. Je nachdem, wo die Sonne steht und wie das Wetter ist, werden mehr oder weniger helle, bunte Lichtpunkte auf den Boden geworfen. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die dort leben oder vorbeikommen, von «Ursinae» angezogen werden. Dass sie mit der Skulptur in Kontakt treten, mit ihr spielen und Schutz unter ihr suchen, wenn es regnet oder wenn es heiss ist. Auf dem Bärenplatz können auch Märkte stattfinden. Das fände ich schön. Es ist mir sehr wichtig, dass sich unter «Ursinae» alltägliches Leben abspielen wird.

Meinen Sie, dass die Passanten Ihr Kunstwerk verstehen werden?

Ich weiss nicht, aber es würde mich glücklich machen, wenn sie einen bleibenden Eindruck davon mitnehmen würden. Vielleicht könnte man eine kleine Tafel installieren, die das Werk erklärt. Ich finde auch eine Signatur wichtig. Anonyme Skulpturen im öffentlichen Raum werden oft vernachlässigt. Das ist dann sehr schade. Darum ist es uns wichtig, dass meine Skulptur nicht zum Vandalismus einlädt. Auf dem Bärenplatz werden auch noch ein Wassertisch und eine Steinbank installiert. Wir haben sehr darauf geachtet, dass die verschiedenen Elemente auf dem Platz in einem guten Dialog zueinander sowie mit der Architektur stehen.

Wie können Sie sicherstellen, dass «Ursinae» als Kunst und nicht als Architektur gesehen wird?

Das ist ein wichtiger Aspekt. Die Konstruktion wird zwar der Sicherheit wegen von einem Statiker berechnet, aber ihr Wert liegt doch im künstlerischen Entwurf und in der konzeptionellen Herleitung. Ich arbeite zum Beispiel gerade an den fünf Stützen, auf denen das Dach liegen wird. Sie werden alle eine andere Ausrichtung haben. Ich spiele mit den Winkeln und den Positionen. Hier zählen ganz feine Details. Ich denke, man muss ein ausgefeiltes, dichtes Konzept haben, aber am Ende zu einer einfachen Form kommen. Etwas, was anzieht und lesbar ist. Wir sprechen auch immer von «Ursinae» und nie von einem Dach.

Wir oft gehen Sie nach Ostermundigen?

Regelmässig. Auf der Baustelle treffe ich die Architekten oder den Bauleiter Agron Noshi. Er ist sehr hilfsbereit und unterstützt mich. Oft werde ich dabei auch von Friederike Schmid begleitet. Sie ist Kuratorin und Projektleiterin für Kunstprojekte aus Lenzburg und die zentrale Person bei diesem Kunst-und- Bau-Vorhaben. Friederike hat den ganzen Wettbewerb moderiert und fungiert auch jetzt noch als Vermittlerin bei Treffen mit der Bauherrschaft, den Behörden oder den Ingenieuren. Sie achtet darauf, dass trotz der Anforderungen an die Sicherheit und das Budget der Ausdruck und die künstlerische Kraft von «Ursinae» nicht gemindert werden. Dies ist zwar bereits mein siebtes Kunst-und- Bau-Projekt, aber die Bedingungen sind doch immer wieder anders.

«Ursinae» wird nicht nur den Bärenplatz zu einem markanten Stadtbaustein machen, es ist auch Teil eines kommerziellen Immobilienprojekts. Wie denken Sie darüber?

Eine interessante Frage. Solche Aufträge bieten mir die Möglichkeit, mich mit meiner Kunst auszudrücken. Das ist erst einmal grossartig. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben, und habe hohe Ansprüche an meine eigene Arbeit. Dabei schaue ich mehr auf die Nutzer eines Ortes als darauf, wer das Werk finanziert oder für sein Image nutzt. In diesem Fall heisst die Investorin Helvetia. Mit einer Versicherung verbinde ich grundlegende Dinge wie das Leben an sich, Sicherheit, bleibende Werte und lange zeitliche Perspektiven – daher auch das Thema Ewigkeit. Mit all dem kann ich mich gut identifizieren.

Wann ist ein Projekt gelungen?

Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht wenn zwei Teile wie mit einem Klick plötzlich zusammenpassen, wenn man die richtige Kombination gefunden hat, die perfekte Balance.

Spüren Sie manchmal auch Unsicherheiten?

Natürlich hoffe ich immer, dass meine Arbeiten ankommen. Aber ich kann und will nicht alle glücklich machen. Gerade Kunstwerke dürfen sich auch mal an der öffentlichen Meinung reiben. Doch eine Sache beschäftigt mich im öffentlichen Raum jedes Mal: die Dimension. Ich bin auf die Grösse und die Wirkung von «Ursinae» gespannt.

Sie haben vergangenen Dezember in Ihrem letzten Interview mit dem «Kunstbulletin» gesagt, dass Sie in Ihrer Kindheit mehr gelernt hätten als an der Universität.

Ich habe über die Primarschule gesprochen. Ich benutze noch heute Techniken, die mir dort gezeigt wurden. Das sind sehr einfache Dinge, wie zum Beispiel das Schreiben mit einem Füllfederhalter. Ich liebe das Gefühl, wenn die flüssige Tinte auf das Papier läuft, bis heute. Ich mag es auch, mit dem Bleistift zu zeichnen oder Reliefs mit einer simplen Nadel in Papier zu stechen. Die Kunstschule war für mich gut, um Leute kennenzulernen und ein Netzwerk aufzubauen.

Das Künstlerbuch, ein Unikat, entstand aus dem hellrosa Papier der britschen Tageszeitung «Financial Times». Mittels Transferdruck wurden die Motive auf die Seiten aufgebracht. In der Mitte sind zwei Lungenflügel – die Fotografie eines Pappmaché-Objekts – abgebildet.
Die 52-jährige Künstlerin schaut aus der Tür ihres Ateliers, das in einer alten Lagerhalle an den Gleisen unweit des Stadtzentrums von Lausanne liegt.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Auf einem Bauernhof mitten in der Natur, nur etwa 20 Minuten von Lausanne entfernt. Wir waren umgeben von Wiesen und Wäldern, hatten Tiere und einen Garten voller Gemüse. Ich konnte barfuss spielen und bin mit dem Fahrrad in die Schule gefahren. Wenn etwas kaputtging, haben wir es selbst repariert, und ständig wurden irgendwelche Möbel oder Fensterläden gestrichen.

Was ist Ihnen von dieser Zeit am tiefsten in Erinnerung geblieben?

Ein Gefühl von Wohlwollen und Güte. Alle waren freundlich miteinander.

Haben Sie selbst Kinder?

Ja, ich habe drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter. Sie sind inzwischen erwachsen.

Über die Stellung von Künstlerinnen wird zurzeit viel gesprochen.

Ich kann Ihnen diese Diskussion, die gerade für Künstlerinnen sehr wichtig ist, mit einer Anekdote verdeutlichen, die ich einmal erlebt habe. Ich wurde einem Museumsdirektor vorgestellt und jemand sagte: «Sie hat schon drei Kinder.» Da streckte er mir die Hand entgegen und meinte: «Mein Beileid.» Das werde ich nie vergessen. Künstlerinnen haben es noch immer schwer.

Seit Ihrem Doktorat haben Sie ein zweites Atelier in London. Wann möchten Sie dorthin zurück?

Ich plane schon seit Monaten, nach London zu reisen. Mein Galerist ist dort, und ich hatte im vergangenen Jahr eine Einzelausstellung. Aber wegen Corona war es bislang nicht möglich. Ich bin auch gerade sehr beschäftigt. Ich habe drei grosse öffentliche Aufträge, die ich vollenden muss.

Wann wird «Ursinae» abgeschlossen sein?

Die Übergabe der Wohnungen im BäreTower ist am 1. April 2022. Zu diesem Zeitpunkt wird man die Konstellation des Grossen Bären, des Kleinen Bären und des Bärenhüters am Nachthimmel von Ostermundigen sehen. Gleichzeitig kann man sie symbolisch im Werk «Ursinae» erkennen.

Im Atelier gibt es viel Platz für Regale mit Fundsachen, Rollwagen mit Werkzeugen, Malutensilien, Farben und Arbeitstische. Im Vordergrund links steht ein mit Büchern befüllter Paravent, der im Rahmen des Kunst-und-Bau-Projekts «Manières de faire des mondes» entstand. An der Wand stapeln sich bunte Globen, die aus dünnen Papierstreifen zusammengeklebt sind.
Die Pferdehaare sollen in einer Installation zum Einsatz kommen, die für die Eröffnung der neuen Lausanner Museen Photo Elysée und mudac im Juni 2022 entsteht.

Dieser Artikel ist im Print-Magazin KOMPLEX 2022 erschienen. Sie können diese und weitere Ausgaben kostenlos hier bestellen.

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