Das Erbe umgestalten

Text
Salomé Houllier Binder
Fotos
Wikimedia Commons

Seit Oktober 2023 befindet sich das Hôtel des Postes in Lausanne im Wandel. Während der nächsten zwei Jahre wird das ikonische Dienstgebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert renoviert und umgebaut. Ein bedeutendes Projekt, das beispielhaft für eine zeitgemässe architektonische Transformation steht.

Das Bauen im Bestand ist eines der drängenden Themen unserer Zeit. In der heutigen Debatte, in der ökologische Belange immer wichtiger werden und das kulturelle Erbe zunehmend unter Schutz steht, geraten die Herausforderungen bezüglich dieser beiden Themen oft in Widerspruch zueinander. Mit der wachsenden Anzahl von Projekten sammeln Architektinnen und Architekten jedoch immer mehr Erfahrung darin, die zwei auf den ersten Blick konkurrierenden Zielsetzungen miteinander zu verbinden. Die Ansätze verfeinern sich, und die schöpferische Geste des Entwurfs tritt in den Hintergrund zugunsten einer sensiblen und respektvollen Annäherung von Architekt und Bauwerk. Das Hôtel des Postes im Zentrum von Lausanne reiht sich in diesen Paradigmenwechsel ein. Der Bauherr, die PSP Real Estate AG, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des historisch wertvollen Gebäudes, das im Jahr 1900 von Eugène Jost erbaut wurde, zu bewahren und es gleichzeitig in die Moderne zu überführen.

Die Fassade trägt eine helle Steinverkleidung im Stil der Neo-Renaissance und ist denkmalgeschützt.
Der Paketschalter des Hôtel des Postes auf einer Fotografifie von 1947. Hier gab die Lausanner Bevölkerung über Jahrzehnte ihre Post ins In- und Ausland auf.
Das historische Schwarz-Weiss-Foto zeigt den Blick in die grosse Haupthalle des Hôtel des Postes, wie sie sich im Jahr 1937 präsentierte.

Den Zusammenhang wiederherstellen

Der symmetrische, u-förmige Grundriss, der gegen die Stadt eine Front bildet und sich zum See hin öffnet, die Stahlbetonkonstruktion – zur Zeit der Entstehung eine technische Innovation – und die helle Steinverkleidung im Stil der Neo-Renaissance machen das Hôtel des Postes zu einem der imposantesten Dienstgebäude der Waadtländer Hauptstadt.

Durch verschiedenste Umbauten büsste es jedoch an Glanz ein. Eine Aufstockung um zwei Etagen in den 1960er-Jahren gab ihm zwar seine heutige Grösse, doch kleinere, manchmal wie gebastelt wirkende Anpassungen lassen das Gebäude wie ein Sammelsurium verschiedener Elemente wirken, die nicht recht zusammenpassen wollen. Dies äussert sich beispielsweise in den vielen vertikalen Erschliessungen der Zwischengeschosse, die in den 1970er-Jahren hinzugefügt wurden. Dem Bauwerk ist die Gesamterscheinung abhandengekommen, es wirkt wie lauter einzelne Puzzleteile.

Um wieder einen Zusammenhang herzustellen, wurde ein Eingriff nötig. Für die verschiedenen Projektbeteiligten, allen voran das Architekturbüro CCHE sowie Halter Gesamtleistungen, eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Geschichte des Hôtel des Postes war überraschenderweise kaum dokumentiert, was zum Zeitpunkt der Planung viel Raum für Spekulationen offenliess. Erst nach den ersten Räumungs- und Reinigungsarbeiten Ende 2023 kam allmählich das wahre Gesicht des Hauses zum Vorschein. Dem Wunsch nach offenen Grundrissen standen nun beispielsweise Stützen im vierten Obergeschoss entgegen, die die Bodenplatte der darüberliegenden Etage tragen. Dass sie für die Struktur wichtig sind, konnte man vorher nicht wissen. Das Projekt muss daher bezüglich Planung, Umbau und Endausbau möglichst flexibel sein, zumal die zukünftigen Mieter noch nicht feststehen.

Gezielte Eingriffe

Solche Erkenntnisse mögen für die Praxis eines Neubauvorhabens einschränkend wirken, im Rahmen einer architektonischen Transformation bieten sie jedoch das Potenzial, die unverwechselbaren Besonderheiten eines Gebäudes zu nutzen und zu unterstreichen. Im Hôtel des Postes stützen sich die Architekten auf drei Hauptelemente: die beiden ursprünglichen Treppenhäuser, die Fassade und die zentrale Halle. Um diese Bereiche zu bewahren und ihnen mehr Gewicht zu verleihen, ist das oberste Gebot die gezielte Ausführung der Eingriffe.

Die Planung sieht vor, die Erschliessung und Versorgung in zwei grossen, symmetrisch angeordneten Kernen zusammenzufassen. Angrenzend an die historischen Treppenhäuser ersetzen diese Volumen Treppen, die in den 1970er-Jahren angelegt wurden und nur einen geringen historischen Wert haben. Die Intervention löst die Probleme der vertikalen und horizontalen Erschliessung und erfüllt zugleich alle geltenden Vorschriften.

Die alte Verglasung und die Halle auf der Südseite werden abgerissen und durch einen neuen Gebäudeteil mit derselben Grundfläche ersetzt. Auf den zwei Ebenen des Erdgeschosses ziehen wieder die Post sowie Läden- und Restaurants ein. Diese Erweiterung soll keine historische Nachbildung sein, sondern ein modernes Element darstellen, das im Kontrast zum Bestand steht. Den Übergang beschreibt eine etwa zwei Meter breite Verglasung entlang der Fassade. Sie schafft einen Bruch zwischen den Bauteilen und setzt Alt und Neu klar voneinander ab.

Gegen Süden und zum See hin öffnet sich das Gebäude. Hier schiebt sich ein teilweise verglaster Anbau in den zweiflügeligen Baukörper des Hôtel des Postes hinein.

Da die Fassade geschützt ist, dürfen keine Veränderungen an ihr vorgenommen werden. Eine Reinigung mit einem Nasssandstrahler sowie der Austausch von stark beschädigten Elementen werden ihr jedoch neues Leben einhauchen. Das Dach soll komplett saniert werden. Geplant ist, dass die Spenglerarbeiten im historischen Stil ausgeführt werden. Auch die alten Schieferziegel sollen wiederverwendet werden, sofern diese in gutem Zustand sind. Über dem zentralen Teil des Gebäudes wird ein Rooftop- Bereich entstehen, in dem wahrscheinlich ein Restaurant mit Bar untergebracht ist. Mit diesen Eingriffen beabsichtigen die Architekten von CCHE, das gesamte Bauwerk neu zu organisieren und es von seiner ursprünglichen Form in eine zeitgemässe Erscheinung mit einer eigenen Logik weiterzuentwickeln. Es geht folglich darum, den lange nötigen Umbau zu orchestrieren und den historischen Bestand aufzuwerten.

Kompromisse eingehen

Beim Bauen im Bestand entsteht ein Projekt nicht auf einem weissen Blatt Papier. Es sind umfangreiche Abwägungen zu treffen, und zwar auf mehreren Ebenen. Zunächst sind es Kompromisse, die im Bezug auf das Gebäude eingegangen werden müssen. Eine neue Planung darf die bestehende Substanz nicht ignorieren. Es gilt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem, was erhalten, modernisiert oder gar zerstört werden soll. Im intensiven Austausch mit den Denkmalschutzbehörden wird die Bedeutung jedes einzelnen Elements bewertet, ob Heizkörper, Terrazzoböden oder Zierleisten. Weitere Kompromisse werden durch die verschiedenen Vorschriften im Bauwesen nötig. Neben einer energetischen Sanierung muss das erneuerte Gebäude alle Normen im Bezug auf Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär (HLKS), Brandschutz, Barrierefreiheit usw. erfüllen.

Für die Architekten des Hôtel des Postes ist es eine echte Gratwanderung, all die Erfordernisse abzuwägen und für ihr Konzept nutzbar zu machen. Beispielsweise schreibt der Denkmalschutz vor, die historischen Fensterrahmen zu erhalten. Die geschützte Fassade könnte also nur von innen isoliert werden. Nach Gesprächen und Analysen wurde jedoch beschlossen, die Nord- und die Südfassade zu isolieren, da diese sowohl im Sommer wie im Winter am stärksten exponiert sind. Damit werden die originalen Fensterrahmen in diesem Bereich künftig verdeckt sein und nur an der Ost- und der Westfassade sichtbar bleiben. Vielleicht gibt es in zwanzig Jahren neue Techniken, die eine bessere Energiebilanz versprechen und eine Freilegung wieder möglich machen.

Der historische Wert, eine moderne Nutzung und die wirtschaftliche Realität – diese Eckpunkte bilden heute einen engen Rahmen. Doch dank der Fachkompetenz aller Beteiligten kann er zu einem Spielfeld der Möglichkeiten werden und Projekten dazu verhelfen, das Erbe umzugestalten.

Situation: Das Hôtel des Postes steht an der belebten Place Saint-François. Es symbolisiert eine Epoche des Übergangs, in der sich das Zentrum von Lausanne allmählich in ein Geschäftsviertel verwandelte.
Grundriss Erdgeschoss: Im Süden wird das historische Gebäude durch einen Neubau ergänzt, der die alten Lieferrampen der Post ersetzt.
Grundriss 2. Obergeschoss: Die Obergeschosse werden durch neue Erschliessungskerne mit Treppen und Aufzügen bedient, wodurch die Flächen freigespielt sind.
Schnitt linker Flügel: Die historischen Treppenhäuser bleiben erhalten und können weiterhin genutzt werden. Sie führen bis ins zweite Geschoss des Gebäudes.
Schnitt Westen: Der Bau erstreckt sich über zwei Untergeschosse, ein Erdgeschoss mit zwei Zwischenebenen, drei Vollgeschosse und zwei Dachgeschosse.

CCHE

ist eines der grössten Architekturbüros in der Westschweiz. Vor über hundert Jahren gegründet, verfügt es heute über ein multidisziplinäres Team und verschiedene Büros in Lausanne, Genf, Nyon, dem Vallée de Joux, Zürich und Portugal. Von der Entwicklung bis zur Umsetzung bearbeitet das Büro Projekte in den Bereichen Städtebau, Architektur, Innenausbau und Design, die sich gleichzeitig durch eine wirtschaftliche, ökologische sowie soziale Vision auszeichnen. CCHE ist fest in der Gegenwart verankert und bewegt sich auf höchstem Innovationsniveau, wie das Beispiel des Holzhochhauses in Malley zeigt. → www.cche.ch

Dieser Artikel ist im Print-Magazin KOMPLEX 2024 erschienen. Sie können diese und weitere Ausgaben kostenlos hier bestellen.

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